„Aus der Kiste ist viel herauszuholen“

Oliver Boegler war einst das Küken, vor drei Jahren wurde er mit 19 Jahren Dirigent des Mandolinenorchesters

Oliver Boegler. Bild: Pavlovic

Schwaikheim (usp). Einst war er das Küken, vor drei Jahren wurde er mit 19 Jahren unvermittelt das „Alpha-Tier“ - wenn der Ausdruck bei einem so sensiblen Verband wie einem Mandolinenorchester erlaubt ist. Aber Oliver Boegler ist keiner, der den Zampano spielt.  

Boegler studiert im vierten Semester Werkstoffwissenschaft an der Universität Stuttgart. Warum nicht Musik? Er lacht und räumt ein: „Das Musik-Studium ist ein hartes Brot, da ist es verdammt schwer, überhaupt reinzukommen. Das machen lauter wirklich gute Leute, Cracks. Mandoline spielen nicht viele, aber die, die’s tun, sind richtig gut. Und warum soll ich mein Hobby zum Beruf machen? Dann wär’s ja nicht mehr mein Hobby. Und außerdem möchte ich hier in der Gegend bleiben.“ Für ein Mandolinen-Studium an einer Musikhochschule hätte er weit weg müssen, nach Wuppertal oder Hamburg zum Beispiel.

Die Mandoline war nicht Boeglers Wiegeninstrument. Mit sieben Jahren hat er an der Trompete begonnen, an der Musikschule Winnenden. Mit elf, zwölf Jahren spielte er im Jugendorchester des Musikvereins, dann auch im Spielmannszug der Feuerwehr. 1996 begann er auf der Mandoline, seit ‘98 spielt er im Mandolinen-Orchester mit. Gelernt hat er natürlich bei Fritz Boegler, seinem Onkel, dem damaligen Dirigenten, und bei Klaus Wuckelt an der Musikschule Fellbach, laut Boegler der „König“ des württembergischen Zupforchesters. Das ist sicher auch ein Auswahlensemble, aber vor allem ein Fortbildungslehrgang und ein Forum zum Austausch. Boegler spielt seit 2001 dort mit, folgte damit seinem Bruder Peter nach. Boeglers gehören außerdem zum Zupf-Ensemble „Sultasto“. Dessen Proben sind quasi Familientreffen.

2003 Konzertreise in Japan: „Die fuhren voll auf unseren Schmalz ab“

Das Mitspielen im Württembergischen Zupforchester hat aus Boeglers Sicht nicht zuletzt den Vorteil, durch die Konzerte im Ländle herumzukommen - und darüber hinaus. 2003 war man in Japan. Boegler schüttelt heute noch den Kopf über die Begeisterung, die ihnen da entgegenschlug. „Die Japaner fahren ab auf Zupforchester. Die mögen unseren ,Schmalz’ so, dass sie voll durchdrehen.“

Was reizt ihn eigentlich an der Mandoline, das heute ein nicht sehr bekanntes und gebräuchliches Instrument ist, obwohl es ein sehr altes Konzertinstrument ist? Die Vielfalt, erklärt Boegler. Wenn man die Mandoline wirklich spielen könne, sei „extrem viel aus der Kiste herauszuholen“. Boegler lacht wieder, hängt an: „Und man hat d’ Gosch zum Schwätza frei, das ist ja auch wichtig.“ Die Mandoline habe kurz vor dem Krieg ihre Blütezeit gehabt und kurz danach eine Renaissance erlebt, Deutschland sei da führend gewesen, in den 50er und 60er Jahren seien allerdings die Italiener immer stärker aufgekommen - Stichwort „Bella bimba“. Dann habe es zwischendurch eine „ziemlich schräge“ Phase gegeben, mit „kaum anhörbaren“ Partituren. Vivaldi hatte viel für Mandolinenbesetzung komponiert, auch sein berühmtes Gitarrenkonzert war, was weit gehend unbekannt ist, ursprünglich für zwei Mandolinen geschrieben, so Boegler. Auch Beethoven hat zwei Stückle für die Besetzung Mandoline-Klavier geschrieben und Bachs Cello-Suite ist aus Boeglers Sicht wunderbar für die Mandoline geeignet.

Es stimme zwar, ja, dass die Mandoline „schmalzig“ ist, aber eben nicht nur. Das Instrument erlaube ein vielfältiges Klangbild. Es sei auch für ihn immer noch verblüffend, „welche Klänge man da rauszaubern kann. Ich kann auf ihr zum Beispiel auch ganz weich spielen, ohne zu tremolieren.“ Wie sieht er den Vergleich zur weit gebräuchlicheren Gitarre? Die Mandoline sei vom System her ja eigentlich eine Geige. Erlernen lasse sich das Spiel auf der Mandoline seiner persönlichen Erfahrung nach leichter, „aber das heißt gar nichts. Im Grund ist beides wohl gleich schwer beziehungsweise leicht.“ Wer will, kann sich davon bei Boegler selbst überzeugen. Er gibt auch Einzelmandolinenunterricht, Ausleihinstrumente dafür hat er.

Boegler hat kürzlich einen C-3-Kurs zum Dirigenten im Laienorchester abgeschlossen. Dass der in Rastatt stattfand, war kein Zufall. Baden ist eine Hochburg für Zupfmusik. Es gibt im Verhältnis weit mehr Orchester als in Württemberg. Boegler hat vor dem Badischen Zupforchester höchsten Respekt. „Das ist sehr klassisch ausgerichtet und es spielen extrem viele studierte Musiker mit, dementsprechend gut ist es.“

Spielermangel führte dazu, dass viele Orchester eingegangen sind

Dass es um den Nachwuchs und damit um die Zukunft des Mandolinenspiels nicht gut bestellt ist, weiß Boegler unter anderem von Teilnahmen seines Orchesters an den Landeszupfmusikfesten und den daraus entstandenen Kontakten. Dass die Musikfeste mittlerweile zeitlich weit auseinander liegen - 2006 in Eislingen, zuvor letztmals 1999 in Rechberghausen -, ist ein deutliches Indiz. „Da stellt man dann fest, dass es bestimmte Orchester gar nicht mehr gibt.“ Viele Ensembles sind in den vergangenen Jahren mangels Spielern „eingegangen“, weiß Boegler, ebenso, dass die meisten Mandolinenspieler vorher ein anderes Instrument gespielt haben.

2004, nach dem plötzlichen Tod Fritz Boeglers, übernahm Oliver den Dirigentenposten, mit gerade mal 19 Jahren. Natürlich war er von der Familie her „vorbelastet“, die ihn immer auch etwas „gestupft“ hat, ins kalte Wasser wurde er demnach nicht geworfen. Zumal ihm das Orchester „riesig geholfen hat, als ich angefangen habe. Ich war ja fast der jüngste Mitspieler. Ich war jahrelang das Küken und auf einmal der Dirigent. Aber meine Mitspieler waren froh, dass es nahtlos weiterging und vor allem, dass das Amt einer aus den eigenen Reihen übernahm.“ Denn sonst hätte die Gefahr bestanden, dass das Schwaikheimer Orchester verwaist - wie es etlichen anderen Ensembles erging.